Görlitz ist internationalste Stadt Sachsens. Professoren über gelebte Internationalität an beiden Hochschulstandorten.
Der Begriff Multikulturalität dient der Beschreibung eines friedvollen, sich gegenseitig befruchtenden Nebeneinanders, Miteinanders und Ineinanders unterschiedlicher Kulturen. Dieser Philosophie hat sich Professor Matthias Theodor Vogt seit jeher verschrieben. Er wurde an die Fakultät Management- und Kulturwissenschaften für die Bereiche Kulturpolitik, Kulturgeschichte und interkulturelle Zusammenarbeit berufen. Aktuell hat er sich eingehend mit statistischen Daten des Landesamtes Sachsen und der Stadt Görlitz beschäftigt, aber auch mit den Daten verschiedener Arbeitgeber. Ergebnis ist, dass die Stadt Görlitz im direkten Vergleich mit sächsischen Ballungsgebieten multikulturell breiter aufgestellt ist, als vermutet.
„Görlitz ist die internationalste Stadt Sachsens gemessen an der Zahl der Einwohner*innen mit Hauptwohnsitz“, stellt Professor Vogt heraus.
Eine mit harten Daten untermauerte These, die den Kulturpolitiker nicht verwundert, spürt er doch in seiner Lehrtätigkeit im Studiengang Kultur und Management alltäglich das internationale Flair der HSZG am Standort Görlitz.
Ähnlich geht es Prof. Dr.-Ing. Frank Worlitz, Dekan der Fakultät Elektrotechnik und Informatik. Er ist Gastdozent und Fachkoordinator für Mechatronik an der Chinesisch-Deutschen Hochschule für angewandte Wissenschaften (CDHAW). In dieser Funktion betreut er regelmäßig chinesische Studierende, die im Rahmen des Austauschprogrammes der Tongji-Universität an der Hochschule in Zittau zu Gast sind. Er überzeugt sich auch gern persönlich von den Fortschritten der deutschen Mechatronik-Studierenden, die wiederum in Shanghai wertvolle praktische Erfahrungen sammeln.
Den sehr guten Ruf unserer internationalen Austauschprogramme haben wir uns über viele Jahre erarbeitet. Prof. Dr.-Ing. Frank Worlitz
Im Interview äußern sich die zwei Professoren, wie gelebte Internationalität am Beispiel ihrer Studiengänge an beiden HSZG-Standorten aussieht.
Sehr geehrter Herr Prof. Vogt, Sie unterrichten am Standort Görlitz, der – statistisch gesehen – internationalsten Stadt Sachsens, wie Sie festgestellt haben. Was macht für Sie gelebte Internationalität an einer Hochschule aus?
Wenn wir nicht bloß aus dem Fern-Sehen etwas Fernliegendes erfahren, sondern wenn die Studierenden „Kultur und Management“ durch unsere Doktoranden aus erster Hand Berichte aus Frankreich, Georgien, Kamerun und der Mongolei erhalten und diskutieren können. Oder wenn sie mit Kommilitonen aus der Slowakei, Ungarn oder dem Baltikum zusammen studieren. Oder wenn sie sich in ihrem Auslandsemester ein Land irgendwo auf der Welt völlig frei wählen können, sowohl den Ort als auch die Studienmodule. Oder wenn sie in Pécs gleich ein ganzes deutsch-ungarisches Doppeldiplom (Dual Degree) erwerben. Oder wenn ein Kollege von der Staatlichen Universität Tiflis auch physisch mit Frau und Kind nach Görlitz kommt und wir ein gemeinsames Forschungsseminar in englischer Sprache unterrichten. Oder wenn alle vierzehn Tage eine Referentin oder ein Referent von weit her einen Gastvortrag beim Ost-West-Kolleg hält. Oder wenn wir regelmäßig für kleinere Exkursionen nach Breslau und Prag und für größere Exkursionen nach Wien und Budapest fahren. Studieren in einer Grenzstadt wie Görlitz/Zgorzelec bringt enorme Vorteile.
Kultur und Management, Tourismusmanagement und bald auch Internationale Wirtschaftskommunikation, die HSZG bietet an internationalen Erfahrungen Interessierten ein vielseitiges Studienangebot. Welchen Stellenwert nimmt für Sie interkulturelle Zusammenarbeit in der Lehre ein?
Einen entscheidenden. Wer sich für ein Studium entscheidet, strebt eine hochqualifizierte und hochbezahlte Tätigkeit an. Und da ist es nicht damit getan, dass man in schlechtem Englisch ein Bier bestellen kann. Da muss man sich einlassen können auf Menschen, deren Gesellschaften anders ticken als die deutsche. Und rechnen Sie einmal kurz: Wenn in Deutschland 80 Millionen von knapp 8 Milliarden Menschen leben, dann sind dies nur ein Prozent. Die anderen sind nicht weniger als 99 Prozent der Menschen, mit denen wir in Frieden handeln und gemeinsam handeln wollen. Darauf muss das Studium inhaltlich, menschlich und räumlich vorbereiten. Wenn ich recht sehe, war ich der erste Hochschullehrer in Sachsen, der für das Fachgebiet interkulturelle Zusammenarbeit berufen wurde. Umso mehr freue ich mich über den heutigen Stellenwert des Faches in so vielen Berufen.
Wie nehmen Sie auf interkultureller Ebene die Zusammenarbeit zwischen Ihren ausländischen Studierenden und deutschen Mitstudierenden wahr?
Als großen Gewinn. Wir erleben ja derzeit ein Meinungsklima, das sich vor Komplexität scheut und auf einfache Antworten setzt; Thomas Bauer hat dies die „Vereindeutigung der Welt“ genannt. Die Zusammenarbeit mit ihren ausländischen Kommilitonen bietet den deutschen Studierenden eine Chance zu merken, was wir alles nicht wissen, weil wir in einem national- oder schichtspezifischen Eindeutigkeitskäfig gefangen sind und dadurch die Chancen der Ambiguität nicht wahrnehmen können. Und ist es nicht das Wesen der Wissenschaft, dass wir Differenzen, Unterschiede, Alteritäten erkennen und ohne falschen Eifer benennen können?
Als Experte für Kulturgeschichte beschäftigen Sie sich mit unterschiedlichen Aspekten gelebter Internationalität. Was ist ihr aktuelles Projekt?
Im Moment treibt mich die Sorge um, wie die Staaten der Welt, die durch die Corona-Maßnahmen unerhörte Schulden aufgetürmt haben, die Künste und ihre Institutionen erhalten können. Als Gastprofessor der Päpstlichen Universität Gregoriana habe ich im Studienjahr 2020/21 gemeinsam mit Studierenden aus dem Kongo, aus Bolivien und vielen anderen Ländern kulturpolitische Strategien für ihre jeweilige Heimat zu entwickeln versucht. Ein solcher Dialog ist etwas Großartiges: Die jungen Leute sind natürlich viel näher an ihren Ländern dran.
Mein aktuelles Projekt wiederum ist eine Fotoausstellung „Kamerun mit den Augen von tausend Frauen“. Wir werden sie am
2. September um 19:30 Uhr in Kirschau hier in der Oberlausitz eröffnen und später in Breslau und Liberec zeigen. Wenn polnische, tschechische und deutsche Studierende mit afrikanischen Künstlern diskutieren, kommen sich alle vier Gruppen nahe.
In welchen Bereichen ist das multikulturell bestimmte Miteinander an der HSZG noch ausbaufähig?
Bei den englischsprachigen Modulen. Wenn jeder unserer Hochschulstudiengänge einen Satz von, sagen wir, zehn Modulen hätte, könnten noch deutlich mehr Gaststudierende zu uns kommen und zum Flair beitragen. Gut ist, dass die neue Hochschulleitung die Chance erkannt hat und mit hohem Tempo daran arbeitet.
Herr Prof. Worlitz, als Fachkoordinator für Mechatronik an der Chinesisch-Deutschen Hochschule für angewandte Wissenschaften (CDHAW) sind Sie den Kontakt mit chinesischen Studierenden gewohnt, die an die HSZG nach Zittau kommen. Wie nehmen diese Studierenden unsere Hochschule wahr?
Unsere Hochschule hat einen sehr guten Ruf bei den chinesischen Studierenden Das zeigt sich auch daran, dass wir im Konsortium die meisten Studierenden aufnehmen und die HSZG auf der Wunschliste oftmals Platz eins und zwei belegt. In den letzten Jahren waren auch immer die Jahrgangsbesten in der Zittauer Gruppe. Auch ist die Tatsache, dass aus der letzten Summer-School anschließend zwei Teilnehmer gezielt nach Zittau gekommen sind, ein Zeichen für den guten Eindruck der HSZG. Das ist nicht selbstverständlich. Aus der Sicht Shanghai verbindet man Deutschland mit München, Berlin und Hamburg und die Eltern, die die Kosten für das Studium tragen, schauen ganz genau hin, wo ihre Kinder in Deutschland studieren. Den guten Stand haben wir uns über viele Jahre erarbeitet.
Was steckt hinter dem Summer-School-Programm für chinesische Studierende?
Dass Studierende der CDHAW in den Semesterferien eine Summer-School in Deutschland absolvieren, ist mittlerweile zur Tradition geworden. Neu war in 2019, dass auf der zweiwöchigen Reise nach den Universitäten in Mannheim, Göttingen, Prag, Regensburg und München auch an der HSZG in Zittau Station gemacht wurde. Bei der Summer-School bekommen Studierende die Möglichkeit, sich über Europa und Deutschland zu informieren und mögliche Hochschulorte für Ihren Auslandsaufenthalt kennenzulernen. Das Programm der Summer-School in Zittau umfasste neben ausgesuchten Versuchen in den Laboren auch eine Besichtigung des Stellwerkes Zittau Süd, welches ja auch für die Lehre in der Fakultät eingesetzt wird. Natürlich darf bei einer solchen Gelegenheit auch ein Abstecher ins nahegelegene Zittauer Gebirge mit der Kleinbahn nicht fehlen. Nach pandemiebedingten Aussetzungen der Summer-School hoffen wir, das Programm im nächsten Jahr wieder aufnehmen zu können.
Für Studierende in den Studiengängen Mechatronik besteht nun schon seit einiger Zeit die Möglichkeit, am CDHAW-Programm der Tongji Universität teilzunehmen, um für einen Studienabschnitt nach China zu reisen. Auch Studierende des Wirtschaftsingenieurwesens können dieses Angebot nutzen. Wie kam es dazu?
An der CDHAW haben wir mit den Studiengängen Mechatronik, Fahrzeugservicetechnik und Gebäudetechnik begonnen. Im Jahr 2008 kam der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen dazu. Dieser hat sich gut entwickelt und immatrikuliert mit Abstand die meisten deutschen Studierenden an der CDHAW. Von den insgesamt 43 deutschen Studierenden im Jahr 2020 haben 33 mit dem Double-Degree abgeschlossen. Auch für unsere Studierende des Studienganges Wirtschaftsinformatik steht dieses Angebot offen.
Auch mexikanische Studierende sind im Rahmen der mexikanisch-deutschen Hochschulkooperation öfters zu Gast in den Hörsälen der Fakultät Elektrotechnik und Informatik. Wie erleben Sie das studentische Miteinander und den kulturellen Austausch zwischen der mexikanischen und der deutschen Kultur?
Vor zwei Jahren haben wir das erste Mal mexikanische Studierende der Tec Monterrey an der HSZG im Studiengang Automatisierung und Mechatronik begrüßt. Die Gastfreundschaft und Offenheit der Mexikaner generell ist legendär. So finden auch die Studierenden schnell Anschluss. Das Programm wird komplett in Englisch durchgeführt. Die Mexikaner hören die Vorlesungen separat und nicht gemeinsam mit deutschen Studierenden. Der Austausch findet überwiegend im Wohnheim oder über das Sportangebot der Hochschule statt. Legendär ist auch der mexikanische Abend, der von den südamerikanischen Studierenden organisiert wird. Trotz der Pandemie konnte das Programm weitergeführt werden. Zukünftig werden wir auch mexikanische Studierende im Studiengang Informatik in Görlitz begrüßen können.
Dass die Hochschule Zittau/Görlitz eine internationale Bildungseinrichtung ist, unterstreicht die Leiterin des International Office der Hochschule Ph. D. Lucie Koutková: „Unsere Kontakte in die Welt sind so vielseitig wie die Studierenden in ihren Wünschen und Zukunftsvorstellungen.“
Zu über 100 Hochschulen in über 40 Ländern bestehen Hochschulpartnerschaften. Von Südafrika bis in die USA, von Mexiko über Holland bis nach Russland und China. An der HSZG bekommt der Begriff "Sprungbrett in die weite Welt" eine greifbare Dimension.
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Die Interviews führte Cornelia Rothe M.A.