Wie lässt sich Frieden gestalten, wie wurde Unfrieden gestaltet? Welche Antworten hatte das 17. Jahrhundert, welche das 20.? Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Kulturgeschichte II“ von Professor Matthias Theodor Vogt lernten wir, die Studenten von WKb15, eine ganze Reihe von Ort im benachbarten Niederschlesien kennen, die uns zum Nachdenken für unseren künftigen Beruf als Kulturmanager anregten.
In Jauer konnten die Evangelischen nach dem Westfälischen Frieden von 1648 den Widerstand des katholischen Kaisers überwinden und eine sogenannte Friedenskirche errichten. Allerdings zu praktisch unmöglichen Bedingungen: einen Kanonenschuss von der Stadt entfernt; ohne Verwendung von Stein und Metall; in einem Jahr zu errichten; alle Baumaterialien zuvor am Bauplatz niedergelegt. Mit Hilfe des Breslauer Festungsbaumeisters errichten die Bürger von Jauer einen von außen schlichten, im Inneren beeindruckenden Fachwerkbau, der viele tausend Gläubige fasst.
Im ehemaligen Konzentrationslager Groß Rosen wurde uns der Schrecken dieses Arbeitslagers durch Vorträge unserer Kommilitonen vermittelt. Das Lager war Eigentum der SS. Sie nutzte die Häftlinge im Steinbruch so gnadenlos aus, dass diese im Durchschnitt nur wenige Wochen überlebten. Diese Vernichtung durch Arbeit, ausgehend von der Antastbarkeit menschlicher Würde, ist gerade einmal siebzig Jahre her! In Görlitz und vielen anderen Stellen der Oberlausitz gab es Zweiglager von Groß Rosen; wenige Meter von unserer Hochschule entfernt hat man kürzlich sogar eine Baracke des Görlitzer Außenlagers entdeckt. Das Leid der Menschen in Groß Rosen konnten wir in der Ausstellung mit vielen uns nahegehenden persönlichen Geschichten nachvollziehen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers hörten wir ein Gedicht von Alfred Margul-Sperber. Er war ein jüdischer Autor, der aus der Bukowina stammte, dem Buchenland. Er dichtete sein „Auf den Namen eines Vernichtungslagers“ nicht zu Groß Rosen, sondern zu Buchenwald, als sich nach dem Krieg das Grauen der Informationen zu Buchenwald über die Erinnerung an seine Heimat legte und diese verdunkelte:
Dass es bei Weimar liegt, vergass ich lang.
Ich weiß nur: man hat Menschen dort verbrannt.
Für mich hat dieser Ort besonderen Klang,
Denn meine Heimat heisst: das Buchenland.
Entrücktes Leben, unvergessner Tag:
Der Buchenwald - ich weiss es noch genau,
Wie ich als Bub in seiner Lichtung lag,
Und eine weisse Wolke schwamm im Blau...
O Schmach der Zeit, die meinen Traum zerstört!
Erinnern so verhext in ihrem Band,
Dass wenn mein Ohr jetzt diesen Namen hört,
Ich nicht mehr an die Kindheit denken kann,
Weil sich ein Alpdruck in mein Träumen schleicht,
Ein Schreckgedanke jeden Sinnes bar:
Ob jene weisse Wolke dort vielleicht
nicht auch der Rauch verbrannter Menschen war?
Wie müsste wohl ein Gedicht zu Groß Rosen aussehen? Auch hier ein wunderbarer Ortsname – verdunkelt durch Unmenschlichkeit und Schweigen.
Wiederum nur wenige Kilometer entfernt liegt Schweidnitz. Hier hat sich die zweite, noch berühmtere Friedenskirche mit über 7.000 Plätzen erhalten. Auch sie steht im Verzeichnis der Welterbestätten der UNESCO. Kulturhistorisch ist sie eine Art Gegen-Gegenreformation, triumphaler als Jauer und ein ebenso eindrückliches Zeugnis für die Suche nach dem sozialen Frieden.
Am Ende des Nachmittages erreichten wir Schloss Kreisau. Hier hatte sich der Widerstand gegen Hitler formiert, junge Menschen aus Adel, Kirchen und Gewerkschaften dachten über die Grundlagen eines der Würde jedes Menschen verpflichten Nach-Hitler-Deutschland nach. Die meisten Mitglieder des Kreisauer Kreises wurden vom Nazi-Regime hingerichtet. Ihr Erbe aber ist lebendig – es ist unser bundesdeutsches Grundgesetz.
Übernachtet haben wir dann in der derzeitigen Kulturhauptstadt Europas, in Breslau. Nachts erlebten wir eine quirlige Metropole, am nächsten Tag eine spannende Stadtführung.
Was kann Kunst, was können Kulturmanager zum inneren und äußeren Frieden beitragen? Wieviel Mut braucht es, gegen Kaiser und Reichskanzler das Richtige zu wollen und zu wagen? Wieviel Courage braucht man als heutiger Kulturmanager in Zeiten, die als schwierig gelten, und die doch weitaus einfacher sind als im Dreißigjährigen Krieg und unter der NS-Diktatur? Von unserer Hochschule in Görlitz aus ist es kaum mehr als ein Katzensprung, um diesen Fragen nachzuforschen und jeder für sich zu beantworten.
Text und Foto: Karoline Sprenger; Nadine Czerwenka
Exkursionsleitung:
Prof. Dr. phil. Dr. habil. Univ.-Prof. h.c. Matthias Theodor Vogt
Berufungsgebiet Kulturpolitik, Kulturgeschichte, interkulturelle Zusammenarbeit
Raum: Görlitz G IV 2.22
Telefon: +49 3581 374 – 4363
E-Mail: m.vogt@hszg.de