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24. Oktober 2017

Uni auf Mexikanisch

Bevor die super heißen Monate und die Regenzeit im Juni, Juli und August begannen, reihte sich fast Woche an Woche eine Party nach der anderen.

Isabella Sohns ist in Mexiko zur Uni gegangen. Fünf Monate lebte sie in der trockensten und heißesten Region des Landes, in Hermosillo. Hier fahren die Menschen lieber Auto als zu laufen und trinken Bier mit Tomaten-Limettensaft.Ein ReiseberichtMein Name ist Isabella und ich studiere mittlerweile im 7. und (wenn alles nach Plan läuft) letztem Semester Ökologie und Umweltschutz an der Hochschule Zittau/Görlitz. Im sechsten Semester sieht unser Studienfach ein 20 Wöchiges Praktikum vor, dass die Studenten in einem Unternehmen, einem Forschungsinstitut, einer Behörde oder auch an einer universitären Einrichtung absolvieren können. Daneben haben wir die Option, dies auch im Ausland zu tun. Da ich einen Auslandsaufenthalt von Beginn meines Studiums an fest vorgesehen hatte, kundschaftete ich die internationalen Kontakte der Hochschule zu Praktikumsstellen im Ausland aus. Bei Herrn Professor Bernd Delakowitz informierte ich mich über die Möglichkeiten, die mir dazu in meinem Fachbereich offenstehen. Neben Polen, Russland, Lettland und Litauen, erzählte er mir von seinem Kontakt an der Universität von Sonora im gleichnamigen Bundesstaat Sonora, der im Nordwesten Mexikos liegt. Schnell war der Entschluss für die mexikanische Universität gefallen. Meine Motivation nach Mexiko zu gehen, lag vor allem in meinem Interesse, einen neuen Kontinent zu bereisen und in einem mir vollkommen fremden Land die Kultur, Natur und natürlich seine Landsleute kennen zu lernen und ihre Sprache zu erlernen. So kam ich also nach Hermosillo, der Hauptstadt des Bundesstaates Sonora, an die Universidad de Sonora, die kurz auch einfach UNISON genannt wird. Aber erstmal zu Hermosillo, meinem Domizil der letzten fünf Monate.[caption id="attachment_982" align="alignnone" width="1397"] Sonnenuntergang über Hermosillo[/caption]Hermosillo liegt im Nordwesten Mexikos, rund 300 km von der US-amerikanischen Grenze entfernt, in der trockensten und heißesten Region des Landes. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 32°C und es fallen an durchschnittlich 36 Regentagen zusammengenommen gerade mal 360 mm Niederschlag. Im Sommer erreichen die Temperaturen bis zu 50°C. Vergleichsweise liegt die Durchschnittstemperatur in Zittau bei 13°C und der Jahresniederschlag bei 850 mm. Und somit erwartete mich dort natürlich neben einem anderen Klima auch eine komplett andere Vegetation. Hermosillo befindet sich in der Sonora-Wüste, die eine der vielseitigsten und artenreichsten Wüsten der Welt darstellt. Im Vergleich zu vielen anderen Wüsten ist die Sonora-Wüste landschaftlich sehr abwechslungsreich und beherbergt eine einzigartige Vegetation. Das vielfältige Erscheinungsbild der Sonora-Wüste reicht von trockenen, sandigen Gegenden, über halbtrockene Gebiete, mit Pinien bewachsenen Bergregionen bis hin zu Uferzonen am Golf von Kalifornien in Mexiko. Die Sonora-Wüste beheimatet unter anderem die großen und streng geschützten Kandelaber- oder Riesenkakteen (Saguaros - der ein Alter von 200 Jahren und eine Größe von über 15 Metern und ein Gewicht bis zu 8 Tonnen erreichen kann) und den Opuntia Kaktus, dessen Früchte man essen kann (die nennen sich im mexikanischen „Tuna“ und sind in Kombination mit Limettensaft richtig gut). Anfang April stehen hier viele der Kakteen in voller Blüte.Nicht weit von der Stadt Richtung Westen fahrend, erreicht man die wunderschönen Strände am kalifornischen Golf. Dort tritt die kakteenreiche Wüste bis and die Strände heran und es ergeben sich einzigartige Landschaftseindrücke. Neben den beliebten und gut besuchten Stränden wie Kino Beach und San Carlos, gibt es auch zahlreiche versteckte, und oft nicht leicht zu erreichende Strände, die verlassen und unberührt erscheinen. So zum Beispiel San Nicolas, wo sich Sanddünen direkt vor dem Meer auftürmen und zum Sandborden einladen.[caption id="attachment_986" align="alignnone" width="435"] Saguaros Kaktus[/caption]Die Stadt unterscheidet sich ebenfalls deutlich von den deutschen und europäischen Städten, die ich bisher gesehen habe. Es gibt ein kleines historisches Zentrum mit dem typisch mexikanischen Zentralplatz (im spanischen Zócalo) an dem sich Kathedrale, Rathaus, und Kiosk befinden. Kolonialzeitliche Altbauten, die in meiner Vorstellung zum mexikanischen Stadtbild gehörten, gibt es in Hermosillo aber kaum. Abgesehen von dem kleinen historischen Kern findet man wenig alte Gemäuer. Stattdessen gibt es sehr viele Neubausiedlungen, in denen sich Haus an Haus im gleichen Baustil reihen. Die „Kolonien“, wie sie hier genannt werden, sind meist von hohen Mauern umgeben und man kommt nur durch die bewachte Pforte herein, deren Schranken sich erst öffnen, nachdem man sich beim Pförtner angemeldet hat. Die, die es sich leisten können, und nicht in einer solchen bewachten Kolonie leben, beschäftigen private Wächter, die sich in so manchen Vorgärten die Nächte um die Ohren schlagen müssen. Das signalisierte mir stark, dass hier Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, die ich bisher nicht kannte – und ich sollte auch noch herausfinden, dass sie tatsächlich nötig sind…Neben dem Stadtbild unterscheidet sich auch das Stadtleben stark von dem unseren. Aufgrund der enormen Hitze, findet das Leben (zumindest hier im heißen Hermosillo) wenig auf der Straße statt. Es gibt keine Park- oder Cafékultur, in denen sich die Leute in ihrer Freizeit draußen entspannen. Vor allem trifft man fast nie Spaziergänger, selbst die kürzesten Wege werden mit dem Auto zurückgelegt. Dafür gibt es sehr viele Feste und nicht umsonst sind die Mexikaner dafür bekannt. Zu Feierlichkeiten füllten sich am Abend, wenn die Hitze nachließ, die Straßen und der Zócalo mit Menschen und Musik. Bevor die super heißen Monate und die Regenzeit im Juni, Juli und August begannen, reihte sich fast Woche an Woche eine Party nach der anderen. Angefangen mit der Semana Santa, der heiligen Woche zu Ostern, über die Expo von Ende April bis Mitte Mai (in der viel getrunken wird und während zahlreicher Konzerten zu Countrymusik getanzt und Rodeo Kämpfe ausgeführt werden) bis hin zum Festival de Pitic, einem OpenAir-Musikfestival, in dem in der ganzen Stadt eine Woche lang Künstler auftreten und die Straßen überquellen von Essensständen und Menschen. Mir hat diese Zeit besonders gut gefallen, nicht alleine, weil es etwas zu feiern gab, sondern weil ich bei diesen kulturellen Events auch einen Eindruck von der mexikanischen Kultur und den Mexikanern bekommen habe. Ich wurde in die kulinarischen Eigenheiten eingeweiht, wie zum Beispiel das Bier mit Tomaten-Limettensaft („Clamato“) und Chili zu trinken. Bei dieser Gelegenheit wurde mir von Freunden beigebracht, zur typischen Musik des Nordens zu tanzen (so sieht es aus, wenn man den Tanz beherrscht):[embed]https://www.youtube.com/watch?v=IEjZmtFA61o[/embed]An der Universität schrieb mich mein zuständiger Professor in zwei Kurse des postgraduierten Studiums „Sustentabilidad“ (zu Deutsch „Nachhaltigkeit“) ein, die da waren „Climate Change“ und „Life Cycle Assessment“. In ersterem beschäftigten wir uns mit (es lässt sich leicht erraten) dem Klimawandel und seinen Folgen, aber vor allem, dem internationalen Bemühen, diesen entgegenzukommen. Wir verglichen also Klimapolitiken ausgewählter Nationen (Brasilien, Mexiko, Deutschland, China und USA) und werteten aus, wie die Klimaprofile der Länder aussahen, was bereits an Gegenmaßnahmen durchgesetzt wurde und was in der Zukunft noch zu tun angedacht wird. Außerdem beschäftigten wir uns mit der Carbon-Footprint Methode (zu Deutsch CO2- Fußabdruck oder -Bilanz), den wir mithilfe von Internetprogrammen individuell bestimmten (wie z.B. mittels der Webseite www.carbon-footprint.de). Dazu führte jeder von uns vorab eine Alltagsanalyse hinsichtlich ressourcenzährender Tätigkeiten aus (wie die Nutzung von privaten oder öffentlichen Verkehrsmitteln, Kochen, Nutzung von Klimaanlage etc.) und überlegten uns auf Grundlage des Ergebnisses der CO2-Bilanz und der Alltagsanalyse individuelle Einsparziele. Ausgehend von den Kursergebnissen erarbeiteten wir einen Workshop für eine Klimakonferenz in Brasilien, an der zwei meiner Kommilitonen einen Vortrag über die Kurserkenntnisse zum Klimawandel und den Klimapolitiken der fünf behandelten Nationen hielten, und die Konferenzteilnehmer im Rahmen unseres Workshops ihren persönlichen CO2-Fußabdruck abschätzen sollten.In dem zweiten Kurs lernten wir die Methode „Life Cycle Assessment“ kennen, die im Deutschen als Ökobilanz bekannt ist und ein Umweltbewertungsinstrument darstellt, mit dem die Nachhaltigkeit von Produkten während verschiedenen Lebenswegphasen analysiert werden kann. Dazu erlernten wir ein Software Programm namens „OpenLCA“, mit dem wir Ökobilanzen zu einfachen (also nicht komplexen) Produkten modellierten und diese mit ihrer Produktalternative verglichen. Ausgehend von diesen beiden Kursen, beschäftigte ich mich eingehender mit Ökobilanzen am Produkt von Weizen, das in Sonora eines der wichtigsten Wirtschaftsgüter darstellt. Das stellte meine Projektarbeit dar. Ich sammelte zur konzeptionellen Erstellung einer Ökobilanz Daten über die Produktion des Weizens im Yaqui Valley, welches die Geburtsstätte der grünen Revolution darstellt und eine der produktivsten Weizenanbauregionen der Welt ist. Dies beinhaltete ein ausführliches Literaturstudium und die Kontaktierung von Agrarinstituten, um an die notwendigen Daten zu gelangen. Daneben setzte ich mich mit den Umweltproblematiken des Weizenanbaus auseinander, um geeignete Wirkungskategorien für die Lebensweganalyse zu bestimmen.Neben diesen beiden Kursen besuchte ich im Spracheninstitut der Uni auch einen Spanischkurs, in dem ich meine Minikenntnisse aus dem ersten und zweiten Semester, in denen ich an der HSZG die ersten Brocken Spanisch lernte, wiederauffrischen und weiterentwickeln konnte. Außerdem schaute ich ab und zu bei dem Deutschkurs des Institutes vorbei, da man sich dort immer freute, mit einer Muttersprachlerin zu sprechen. Zum „Tag der Erde“ entwickelten wir dort gemeinsam mit den Studenten des Deutschkurses eine Kampagne gegen Einweggeschirr, um auf die entstehende Müllproblematik aufmerksam zu machen und den Campus etwas nachhaltiger zu gestalten. Denn auch wenn die Uni eine Nachhaltigkeitspolice hat, in der sie sich unteranderem dazu verpflichtet, so wenig Ressourcen wie möglich zu verschwenden und so wenig Müll wie möglich zu produzieren, werden selbst in der Mensa täglich und ausschließlich Plastikteller,- besteck und Styroporbecher verteilt (was angesichts des mangelnden Recyclings umso kritischer ist). Auch wenn das Spracheninstitut diese Umstände nicht ändern kann, soll das entstandene Plakat, dass nun in der Uni verteilt wurde, sensibilisieren und dazu anhalten, eigene Mehrwegbecher zu nutzen und bei Veranstaltungen auf Einweggeschirr zu verzichten.In einen Unialltag integriert zu sein, ermöglichte es mir auch schnell Bekanntschaften zu schließen. Der raue und harte Ton, der in Sonora untereinander vorherrscht, kann zunächst - vor allem wenn man noch nicht viel versteht - abschrecken. Aber tatsächlich sind die meisten Leute super herzlich und einfach nur sehr temperamentvoll. Die ersten Kontakte knüpfte ich zu meinen Kommilitonen im postgraduierten Studium, die mir die Stadt und die Umgebung zeigten. Wir planten gemeinsam viele Ausflüge, wie am verlassenen Dünenstrand in San Nicolas zu campen, während der Semana Santa die Festlichkeiten traditionell in einem Dorf zu feiern, nahegelegene Wasserfälle zu besuchen, oder die Haushügel der Stadt zu besteigen. In der Kletterhalle lernte ich einen Biologen kennen, der die Höhlenkomplexe um Hermosillo herum kartierte und auf ihre Fledermausbestände untersuchte. Er nahm mich auch auf eine seiner Führungen in eine Höhle mit, die mehrere Säle besaß und bis zu einem kleinen Grundwasserteich hinabreichte. Ein anderer Biologe, den ich über Freunde kennen lernte, führte mich mit einer kleinen Gruppe an Schülern in die Wüste und erklärte uns einige Besonderheiten der Vegetation. Engere Freunde luden mich auch zu ihren Familien ein, und so lernte ich das mexikanische Familienleben kennen, das sich zumindest von dem meinen deutlich unterscheidet. Der Familienbund ist sehr eng, die meisten Familienmitglieder leben in der gleichen Stadt und man trifft sich traditionell am Wochenende. Außerdem sind sie oft sehr kinderreicher und nicht selten leben Töchter und Söhne auch noch während des Studiums bei der Familie. So ein wöchentliches Familientreffen kann dann schon leicht 15-20 Familienmitglieder versammeln. Dann wird zusammen gegessen, getanzt oder gespielt.Gewohnt habe ich während der fünf Monate mietfrei in dem für Auslandsstudenten angedachten Haus der Uni (bekannt als „la Casa UNISON“), das dem Campus direkt gegenüberliegt. Aufmerksam gemacht auf diese Möglichkeit hat mich in meiner ersten Woche ein Kommilitone, da ich nach meiner Ankunft zunächst übergangsweise bei einem Freund untergekommen bin. In Casa UNISON wohnte ich dann mit drei Stundeten aus Argentiniern und meiner deutschen Kommilitonin. Natürlich war das ein totaler Luxus, da wir mietfrei wohnten und zudem sehr zentral. Aber leider machten wir dort nicht nur gute Erfahrungen, da wir mehrmals beklaut wurden und einmal durch mein Zimmerfenster eingebrochen wurde, trotz der massiven Gitterstäbe und der Alarmanlage. Glücklicherweise war ich zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, und abgesehen von meiner Festplatte fehlte mir nichts.[caption id="attachment_983" align="alignnone" width="1600"] Mein "Climate Change" Kurs[/caption]Ziehe ich nun ein Fazit zu den fünf Monaten Praktikum, fällt dieses in vielerlei Hinsicht positiv aus. Das Auslandssemester eröffnete mir die Möglichkeit, Mexiko und seine Landsleute kennen zu lernen und Spanisch zu erlernen. Durch den Unialltag fiel es mir leicht, Freunde zu finden und mich in das Leben in Hermosillo zu integrieren. Die Kurse waren ausgeglichen an Theorie und Praxis und ermöglichten so ein gutes Lernen und Verstehen. Außerdem konnte ich mir nach dem Praktikum noch einige Wochen Zeit nehmen, um das Land zu bereisen und einen Eindruck von Mexikos Vielseitigkeit zu bekommen. Enttäuscht war ich allerdings sehr von der persönlichen Betreuung während meiner Projektarbeit. Meine eigene Arbeit zum Thema Ökobilanzen in der Weizenproduktion und speziell im Yaqui Tal, bestand überwiegend aus einem Literaturstudium im Selbststudium und war somit nicht sehr praktisch. Alternativen gab es leider keine und bei Problemen, die aufgetreten sind, wurde mir nicht geholfen. Das war zwar ein gutes Training für Selbstständigkeit und Einfallsreichtum, andererseits war dieses Gefühl auch entmutigend und ich bin ohne Unterstützung nicht so vorankommen, wie ich es erhofft habe. Nichtsdestotrotz gehe ich mit einem Haufen an guten und interessanten Erfahrungen, neuen Erkenntnissen und einigen wunderbaren Bekanntschaften aus diesem Semester und möchte diese Zeit nicht missen!Der Beitrag stammt von Isabella Sohns