Im Rahmen eines Forschungsseminars über das jüdische Leben und das jüdische Erbe der Stadt Görlitz, geleitet von Dr. Sławomir Tryc und Rainer Michel, dem Leiter des Literaturhauses in der Görlitzer Alten Synagoge, fand am 20.12.2016 in der Görlitzer Aula der Hochschule ein Treffen mit Alexander Nachama, dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden statt.
Der als 29-Jähriger 2013 in das Amt eingeführte Nachama stammt aus einer berühmten Kantoren- und Rabbinerfamilie mit sephardischen Wurzeln ; sein Großvater Estrongo war Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sein Vater Andreas ist ebenso Rabbiner, darüber hinaus bekannter Historiker, Professor und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin.
Alexander Nachama hatte sich zuerst zum Kantor ausbilden lassen, 2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (FU Berlin). Um sich einen langen Wunsch zu erfüllen, absolvierte er ab 2007 eine Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg, einem An-Institut der Universität Potsdam.
Vor Nachama, dem ersten eigenen Rabbiner der Dresdner Jüdischen Gemeinde nach 74 Jahren, stehen, wie er selbst erzählte, große Aufgaben. Um 1900 zählte die Jüdische Gemeinde in Dresden über 5.000 Mitglieder. Nach 1945 lebten nur noch 41 Juden in der Stadt. Heute kommen viele von den ca. 700 Mitgliedern der Gemeinde aus der früheren Sowjetunion. Die Gemeinde muss zusammenwachsen.
Alexander Nachama setzte sich in einer regen Diskussion mit den Grundfragen des Judaismus auseinander, z.B. dem Spannungsfeld zwischen der Tradition und Moderne, zwischen orthodox und liberal. Tradition wird im Judentum ganz groß geschrieben und ist nicht nur in den Synagogen, sondern auch auf den Straßen der Städte vieler Länder Europas wieder präsent. Es ist zwar noch keine richtige Renaissance aber doch ein fundamental glückliches „coming out“. Und so z.B. in Deutschland wurde Chanukka, das Lichterfest, mit der größten Menora in Europa vor dem Brandenburger Tor mittlerweile zur Tradition. Oder Festivals jüdischer Kultur im benachbarten Polen, das wegen einer langen Periode der geistigen Toleranz zum religiösen Zentrum des europäischen Judentums wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg wohnten im Polen 3,3 Millionen Juden, was ca. 10% der Gesamtbevölkerung ausmachte. Heute gehört das seit 1988 jährlich abgehaltene Jüdische Kulturfestival in Krakau zu den größten Festivals dieser Art in der Welt.
Darüber hinaus enthüllte Rabbiner Nachama in der fast anderthalb Stunden dauernden Fragerunde den zahlreich erschienen Studenten und Görlitzern die Geheimnisse der Riten, Gebräuche und Symbole des Judaismus, beantwortete Fragen zu alltäglichen Sorgen der jüdischen Gemeinde in Dresden, z.B. Nachwuchsproblemen (nur eine Person kommt aus Görlitz), der Sicherheit oder den Beziehungen zu anderen Religionen. Es kam auch zum regen Austausch von Meinungen, Erfahrungen und Informationen im Publikum zum Thema jüdische Gemeinden in der DDR.
Kontakt:
Dr. Slawomir Tryc
Hochschule Zittau/Görlitz
Fakultät Management- und Kulturwissenschaften
Tel.: +49 3581 374 4350
e-mail: S.Tryc@hszg.de
Photos: Prof. Dr. phil. Malgorzata Schulz, Dr. Slawomir Tryc