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18. Dezember 2017

Hong Kong – meine Reise nach Südostasien

Clara Ridzewski war für vier Monate an einer chinesischen Universität. Hier schreibt sie über ihre Erfahrungen mit gebratenen Hühnerfüßen, harter Arbeit und tobenden TaifunsHong Kongbedeutet „Duftender Hafen“ und ist eine Sonderverwaltungszone von China. Die Metropole liegt im Südosten des Landes. In meinem 5. Semester, während meines Studiums der Molekularen Biotechnologie, entschied ich mich dazu, ein Auslandsemester in China zu machen und bewarb mich so in einem La bor für Biotechnologie an der Hong Kong University of Science and Technology (HKUST). Ich wollte berufsbezogene Erfahrungen sammeln und eine neue Kultur kennenlernen.Der Bewerbungs-und Visaprozess war etwas kompliziert, verlief aber weitestgehend reibungslos und nach ewigem Suchen, fand ich auf Airbnb ein Zimmer in Po Lam, einem Ortsteil im Nordosten von Hong Kong. Die Mieten in Hong Kong und allgemein in China sind utopisch hoch. Besonders in Hong Kong sind die Preise so hoch, dass viele junge Erwachsene bei ihren Eltern wohnen. Und zwar so lange, bis sie verheiratet sind.Anfang Mai flog ich nach Hong Kong und kam am frühen Abend an. Die Temperatur lag bei 32° C mit einer Luftfeuchtigkeit von ca. 89%. Erdrückend! Mit dem Bus fuhr ich zum Busbahnhof nach Po Lam am anderen Ende der Stadt und während dieser Fahrt bekam ich schon erste Eindrücke für den Ort, an dem ich die nächsten vier Monate verbringen würde. Das Erste was mir auffiel: alle waren ungefähr so groß wie ich und kaum einer überragte mich. Die Infrastruktur ist komplett anders als in Deutschland. Dadurch, dass Hong Kong 1104 m² groß ist, aber eine Bevölkerungsdichte von 6429 Einwohner pro km² hat, reihen sich Hochhäuser an Hochhäuser, die teilweise 70 Stockwerke hoch sind. Alle Wohnungen sind recht klein. An den Fenstern sind häufig Gitter angebracht, zum Wäscheaufhängen und damit keiner aus dem Fenster fällt.In Po Lam angekommen, empfingen mich mein Vermieter Rick, 28, und sein Vater Sim, 71. Rick arbeitet in einer IT-Firma, während sein Vater bereits in Rente ist. Die beiden lebten mit Ricks Mutter in einer 3-Zimmer-Wohnung im 14. Stock eines 42-Stockwerk-Hochhauses auf 70 qm². Im Wohnzimmer befand sich ein kleiner buddistischer Altar, an dem die Mutter jeden Morgen betete. Überall in der Wohnung hingen chinesische Glückssymbole. Mein kleines Zimmer hatte ein sehr kurzes Bett, einen Schrank und einen kleinen Schreibtisch. Ricks Vater kochte uns allen ein Willkommens-Essen und Ricks Freundin, die oft bei ihm war, gesellte sich dazu. Es gab eine chinesische Suppe (Tong), Amaranth (ein Salat-ähnliches Gemüse, das sehr lecker ist, wenn man es im Wok anbrät) und frittierte Hühnchenschenkel, wobei alles mit Soja und einer ordentlichen Portion Reis abgerundet wurde. Sim Lam und seine Frau konnten nur wenige Brocken Englisch, weswegen ich mit der Zeit lernte, mich mit ihnen auf Kantonesisch zu unterhalten. Mit Sim ging ich abends öfter im naheliegenden Park joggen oder wanderte sonntags mit ihm in den Bergen der Region. Oft hörten wir dabei chinesische Musik aus einem Walkman, der auf voller Lautstärke oft ein und dasselbe Lied abspielte. Ich war überrascht, dass so viele ältere Mneschen im Park joggten. Sie waren alle sehr fit und gelenkig, machten Yoga und Tai Chi, oder spielten chinesisches Schach. Es gab keine Zeit am Tag, wo der Park nicht gut besucht war. Der Mittelpunkt war ein riesiger Sportplatz, auf dem um 23 Uhr Kinder trainierten, kaum älter als 9 Jahre. Da sich gegenüber meines Zimmers eine Grund- und eine Mittelschule befanden und ich die ersten zwei Wochen von zu Hause immer Tagestouren in die Stadt unternahm, bekam ich die morgendlichen Routinen vom Schulalltag mit. Jeden morgen um 8 Uhr standen alle Kinder in ihren Schuluniformen auf dem Sportplatz vor der Schule und der Schulleiter begann seinen 10 minütigen Appell. Dabei standen alle Kinder, egal wie klein sie waren, stramm und leise in der Reihe und hörten ihm zu.[caption id="attachment_1015" align="alignnone" width="1036"] Nan Lian Garden: ein paradisischer Garten mit einer Tempelanlage mitten in Hong Kong[/caption]Fasziniert vom Alltag der Menschen, schaute ich mir die erste zwei Wochen Hong Kong an. Zusammen mit Rick und seiner Verlobten fuhr ich zum Piek, einem Berg mitten in Hong Kong, von dem man über die ganze Stadt schauen konnte, nach Tsim Sha Tui, wo nachts eine Laser-und Lichtshow über der gesamten Bucht und ihren kleine Gassen mit traditionellen Geschäften und Buden veranstaltet wurde. Überall und an der jeder Ecke konnte man etwas leckeres zu essen kaufen. Ich besuchte mehrere Tempeleinrichtungen und traditionelle Gärten an, die mitten in der Stadt zwischen Straßen und Wolkenkratzern standen. Es gab einen unglaublichen Konstrast zwischen altem und modernem – das ist der Charme Hong Kongs. Ich wagte mich in die kleinen, auch oft rückständigen Viertel und unterhielt mich mit Menschen die überrascht waren, eine Westlerin in dieser Gegend zu anzutreffen. Hier konnte man verschiedene Spezialitäten wie Eggwaffels, Eggtarts, Portugese Eggtarts, Dim Sum, sowie unter mehreren verdutzten Blicken, Hühnerfüße essen. Und ob man es glaubt oder nicht, es war doch ganz lecker. Schleimig, aber reich an Vitaminen. Meistens gab es eine große Portion Reis, dazu Ente, Schwein oder Hühnchen gebraten und verschiedenste Gemüsesorten. Diese Vielfalt hat man in heimischen Asiatischen Restaurants selten, da sie an deutsche Essgewohnheiten angepasst sind.Nach meinen doch recht intensiven ersten Wochen war es an der Zeit, meinen Praktikumsplatz kennenzulernen. Ich arbeitete in einem vergleichsweise kleinen Labor an der HKUST unter meiner Chefin Angela und meiner Supervisorin Liane. Liane kam aus Amerika. Wir verstanden uns von Anfang an und sie half mir wo immer es ging. Ich bekam von Angela das Projekt: The  Validation of Emulsion-PCR conditions for the production of monoclonal aptamer particles and their detection reactions. Eine, wie sich später heraus stellen sollte, nicht sehr einfach Aufgabe. Meine anderen Kollegen Alexander, Bin Bin und Yulei machten unser Team komplett. Der Laboralltag ging bei mir meistens von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Und auch wenn sich das nach sehr viel Arbeit und wenig Freizeit anhört, gab es mehrere Punkte die den Alltag erleichterten. Die HKUST ist eine der renommiertesten Universitäten Asiens mit einer Bibliothek über drei Stockwerke mit Ausblick aufs Meer, mehreren Mensen auf verschiedene Ebenen, einem McDonalds, mehrere Cafés, einen Musikraum, einen Außen- und Innenpool mit 50 m Länge direkt am Meer und verschiedenen Sport- und Fitnessräume. Auch wenn man viel zu tun hatte, konnte man sich einmal am Tag eine Stunde frei nehmen, um etwas zu entspannen. Am Freitag spielten alle Labormitglieder beispielsweise Badminton zusammen.Doch obwohl ich alle außerschulische Aktivitäten gerne ausprobieren wollte, zog die Arbeit mich immer wieder ins Labor. Sogar am Wochenende. Denn auf die Methode, die ich in unserem Labor optimieren sollte, bauten mehrere zukünftige Forschungen auf. Liane half mir so gut es ging. Wenn etwas bei mir über eine gewissen Zeit nicht funktionierte, setzten wir uns ins Café und lasen weitere Paper und machten Pläne, wie wir dieses Problem lösen könnten. Und meistens kamen wir zu einer Lösung und einem Plan, für die nächsten Wochen. Dabei und bei der Auswertung von Ergebnissen, die teilweise bis spät in die nacht gingen, machten wir Witze und unterhielten uns. So motivierte ich mich selbst, setzte meine ganze Energie in mein Projekt, optimierte die Protokolle, verwarf sie, versuchte ein anderes. Am Ende kam ein Protokoll und ein Ergebnis heraus, auf welchem man aufbauen konnte. Ein Projekt mit vielen Höhen und Tiefen, aber am Ende kann ich sagen, dass all meine Arbeit sich gelohnt hat. Denn nun arbeiten drei Undergraduates für ihre Bachelorarbeit weiter an meinem Projekt und nutzen die Protokolle, die ich für all die kleinen Teilexperimente entwickelt habe.[caption id="attachment_1016" align="alignleft" width="858"] Blick über Kowloon Bay bei der allnächtligen Laser-and Light Show in Tsim Sha Tui[/caption]Dreimal durfte ich Zeugin eines faszinierenden Ereignisses werden: eines Taifuns. Taifune sind in Hong Kong recht normal. Durch das warme Klima enwickeln sich die Wirbelstürme im Südchinesischen Meer und rauschen in den Sommermonaten über das Festland hinweg. Hong Kong ist sowohl organisatorisch, als auch architektonisch darauf vorbereitet. Die Wolkenkratzer sind schmal und hoch und so dem Wind kaum ein Widerstand. Ein Wetterservice beobachtet das Wetter und die sich bildenden Taifune und unterteilt die Lage in verschiedene Katergorien. Ab Stufe T3 sollte man sich Lebensmittel und Wasser für die nächsten Tage holen und bei T8 wird man gebeten, sich nach Hause zu begeben. Öffentliche Einrichtungen werden evakuiert und die öffentlichen Verkehrmittel eingestellt. Dann kommt der Wind, der immer stärken zu nimmt und der Regen. Die Windstärke nimmt rasant zu, bis zu 120 km/h und mehr. Die Straßen sind leer und durch den stärker werdenden Regen sieht man nichts mehr. Und dann auf ein Mal, sieht man den Sternenhimmel oder den blauen Himmel, kein Windlein bläst, nichts. Selbst die Tiere draußen sind still. Denn nur 2-3 Stunden später ist man dem Auge des Wirbelsturmes entkommen. In den nächsten Tagen bleibt das Wetter weiterhin regnerisch und stürmisch. Dieses Naturereignis durfte ich 3 mal mit erleben und einer dieser Taifune war der Stärkste seit 30 Jahren. Bäume wurden entwurzelt, Fenster von herausgerissenen Klimaanlagen zerstört, Häuser in Meernähe weggeweht, Menschen verletzt und getötet.Ich hatte eine wundervolle Arbeit an einem tollen Standort, wundervolle Kollegen und eine nette Chefin, die einen unterstützt hat und freundliche Menschen in meiner Umgebung. Ich kann jedem empfehlen nach Hong Kong zu reisen. Und wenn man motiviert und fleißig ist, auch dort zu arbeiten. Denn das muss jedem bewusst sein:  es herrscht eine andere Arbeitsphilosophie als in Deutschland.

P.S. Wer Angst vor Kakerlaken hat, sollte sich von Hong Kong fern halten. Denn trotz der Moderne gibt es überall die große Variante dieses Insekts. Auch sollte man darauf achten, sich in den Sommermonaten vor Mückenstichen zu schützen, da es dort Krankheitsübertragende Insekten gibt.

Den Beitrag schrieb Clara Ridzewski