Wir begrüßen Kai, der von September bis zum Dezember 2012 im Irak war, zu seiner ersten Stunde zum Thema "Kurdisch für Anfänger". [caption id="attachment_379" align="alignleft" width="177"] Willkommen im Irak[/caption]Dass ich mir in Deutschland vor Beginn meines Auslandssemesters die Frage gefallen lassen musste, warum ich denn ausgerechnet in den Irak ginge, ob ich des Lebens müde wäre und was überhaupt dieses Kurdistan sei, war mir bereits vor der eigentlichen Entscheidung bewusst. Dass ich auf ähnlich ungläubiges Kopfschütteln bei meinen neuen KommilitonInnen an der American University of Iraq, Sulaimani stieß, verwunderte mich zuerst doch ein wenig. Als erster Austauschstudent an dieser jungen Institution im kurdischen Norden des Iraks hatte ich mich also auch hier diversen Fragen zu stellen. Ob ich einen kurdischen oder arabischen Hintergrund hätte, wie ich auf die Uni aufmerksam geworden wäre und mit welcher Motivation ich unbedingt in einem zwar nicht mehr Krisengebiet aber dennoch einer massiv im Wandel begriffenen Region mein Auslandssemester absolvieren wollte. Nach diversen mit Ungläubigkeit bedachten Erklärungsversuchen, welche hochgestochen die Wechselwirkungen von Kultur, Wirtschaft und Politik sowie die interessante politische Lage der kurdischen Region streiften, ging ich schnell zu einem simplen aber durchaus wahren „Neugierde“ über. Dies war befriedigend, für meine neuen KommilitonInnen und Dozierenden wie für mich, da es schlicht meine gesamte akademische, kulturelle und persönliche Entscheidungsfindung zusammenfasste.„Und, wie war’s?“, ist so ziemlich die schlimmste Frage, die man einer Rückkehrerin oder einem Rückkehrer stellen kann. Wohl oder übel muss man sich eben jener aber stellen, da nicht alle, die ein solch verbal-emotionales Verbrechen an einem begehen, auch eine gleichsam indifferente Antwort erwarten. Also: Es war spannend! Dreieinhalb Monate habe ich mich mit Kursen wie „History of the Middle East“, „International Trade and Finance“, „Comparative Environmental Politics” und „International Relations” beschäftigt, das US-amerikanische Hochschulsystem und die kurdische Arbeitsethik kennengelernt sowie viele spannende Diskussionen geführt, die früher oder später allesamt in politischen Debatten endeten. Die Studierenden an dieser im Irak führenden Institution haben zum Teil durch eigene Schicksale aber in noch größerem Maße durch Erfahrungen ihrer Verwandten feste Meinungen, einen starken Willen und Durchhaltekraft. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch Saddam Hussain, diversen Kriegen in der Region und einem blutigen kurdischen Bürgerkrieg schien es mir dann auch nicht weiter sonderbar, dass wirklich alle in dieser Zeit von Politik reden. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Kurden im Irak langfristig die Aussicht auf eine selbstverwaltete Region oder gar einen eigenen Staat. Und auch wenn vom Ölboom einmal abgesehen bislang wahrlich nicht alles einwandfrei läuft, so studierte ich doch mit Menschen zusammen, welche stolz darauf sind, Kurdistan und den Irak dieser Tage mitformen zu dürfen und zu bewegen – in der Politik, dem öffentlichen Dienst, der Zivilgesellschaft oder der Privatwirtschaft.[caption id="attachment_380" align="alignnone" width="501"]
American University of Iraq, Sulaimani[/caption] Auch wenn man auf den ersten Blick sagen könnte, dass ich in diesem Semester nicht viel für mein Studium des Kulturmanagements getan hätte, so habe ich mich nicht nur durch meine eigenen Studien über internationales Urheberrecht und kulturelle Aspekte von Konflikten in den verschiedenen Kursen weitergebildet, viel mehr habe ich von dem Leben in einem neuen, mir bis dahin unbekannten Umfeld profitiert. Ich habe jede Möglichkeit, ein Konzert oder eine Ausstellung zu sehen, ergriffen, bin in den kurdischen Bergen wandern und campen gewesen und habe mich ausführlich mit Mullahs und Taxifahrern unterhalten – wenn das nicht Kultur ist, was dann?Man darf in Kurdistan kein Partysemester erwarten, Sulaimani ist auch keine ungeheuer spannende Stadt, aber man muss die Ohren offen halten und zuhören, viel zuhören, Tee trinken und mitdiskutieren. Denn was dort gerade passiert, ist ein Wirbelwind von wirtschaftlicher, politischer und kultureller Entwicklung. Ich bin froh, einen kleinen Teil davon miterlebt haben zu dürfen.