Ein Beitrag von Levent Köksal
Mit diesem Blogbeitrag möchte ich alle ermutigen, den Schritt ins Unbekannte zu wagen, aus gewohnten Strukturen auszubrechen, um über den eigenen Tellerrand zu schauen. Im Studium ist das ganz einfach, denn es gibt das Praxissemester, das man wunderbar im Ausland erleben kann, sogar mit Unterstützung der Hochschule.
Ich bin Levent, ein Ökologie- und Umweltschutz-Student im siebten Semester. Meine Laufbahn verlief etwas anders als die der meisten Studenten. Ich habe zwanzig Jahre in Großraumbüros von Konzernen gesessen, bevor ich beschlossen habe zu studieren. Denn irgendwann merkte ich, dass das Leben verstreicht, wenn man nur noch von Wochenende zu Wochenende lebt und die Tage dazwischen zu unbedeutendem Absitzen werden. So entstand der Kurzschluss aus meinem sicheren Nest zu springen: ich kündigte meinen Job und ging erstmal auf Reisen.Auf meinen Reisen habe ich gesehen, dass vieles einfach falsch läuft – aus der Unwissenheit der Menschen. Der schwimmende Plastikmüll, die brennenden Müllhaufen überall an den Straßenrändern, das ungenießbare Wasser und die Respektlosigkeit gegenüber der Natur: all das entsetzte mich. So entschied ich, dass meine Zeit gekommen war, zu handeln. Ich besuchte einen Kurs an der Permakultur Akademie in Berlin, der war augenöffnend, mir jedoch nicht wissenschaftlich genug. So beschloss ich, im Alter von 38 Jahren, zu studieren. Nämlich Ökologie und Umweltschutz an der HSZG; um endlich beim Aufräumen zu helfen.
Permakultur: „ Permakultur dreht sich um die Gestaltung nachhaltiger menschlicher Siedlungen. Es ist eine Philosophie und ein Konzept für Landnutzung, das ein- und mehrjährige Pflanzen, Tiere, Boden, Wassermanagement und menschliche Bedürfnisse zu komplex vernetzten produktiven Gemeinschaften verbindet.(Bill Mollison, "Gründervater“ der Permakultur).
Das Praxissemester
Es war von Vornherein mein Wunsch, das Praxissemester im Ausland zu absolvieren. So war ich froh über die Einladung eines Alumnus meines Studiengangs. Er lebt in Cali, Kolumbien und arbeitet für eine gemeinnützige Organisation. Ich bat ihn, der mein Betreuer für das Praxissemester wurde, um eine Aufgabe die etwas mit Permakultur zu tun hat. Denn ich wollte die im Studium erlernte Theorie der letzten Semester mit den Praktiken der Permakultur Akademie verbinden. Silvopastorale Agroforstwitschaft wurde mein Thema. D.h. die gleichzeitige Nutzung einer landwirtschaftlichen Fläche für Tierhaltung kombiniert mit Büschen und Bäumen.Das ist nichts Neues, aber wurde im Zuge der maschinellen Optimierung der Landwirtschaft irgendwann abgelöst durch Monokultur und Massentierhaltung. Mit dieser vermeintlichen Optimierung folgten Probleme.[caption id="attachment_1051" align="alignleft" width="1184"] Es gibt sicher unangenehmere Orte wo man seine Zeit verbringen könnte als hier auf der Karibikinsel San Andres ...[/caption]
Grünes Kolumbien
Die mit dem Wald immer weiter verdrängten Wildtiere und Pflanzen leiden unter dieser Misswirtschaft. Insbesondere in Kolumbien ist das besonders gravierend. Die andinen Bergketten bieten viele Plateaus und Lebensräume. Je höher man steigt, desto kälter wird es zwar nachts, desto stärker scheint die Sonne aber tagsüber. Neben den hartgesottenen Ubiquisten die sich fast überall wohl fühlen, haben sich auch ganz viele andere Pflanzen entwickeln können, die genau auf ihrer bestimmten Nische spezialisiert sind. Ach Ja, auch die Eiszeit war hier nicht so krass wie in Europa. Wo alles ausgelöscht wurde, was mit der Kälte nicht klarkam und nicht über die Alpen hüpfen konnte. Daher gibt es eine enorme Biodiversität in der Pflanzenwelt.Und mit der Vielfalt der Pflanzen ist auch die der Tiere immer reichhaltiger geworden. Kolumbien ist nach Brasilien das Land, dass die höchste Biodiversität der Welt aufweist. Und Nummer eins, wenn man die Anzahl der Vogelarten und Orchideen betrachtet. Im Vergleich: wir haben ca. 250 heimische Brutvogelarten in Deutschland und alleine das Valle del Cauca, in dem ich mich befand, zählt von den 1921 in Kolumbien vorkommenden Vogelarten 859. 79 davon sind endemisch, kommen also nur in Kolumbien vor. All diese Arten und ihre Lebensräume sind gefährdet und gerade dabei zu verschwinden.
Türkisfarbenes Wasser und Kokosnüsse
Aber da kommt die Organisation Dapa Viva, die mich eingeladen hat, ins Spiel. Sie arbeitet an der Aufklärung der Bevölkerung und versucht den Schutz der Wälder voran zu bringen. Das Ziel, dass wir uns bei Dapa Viva gesetzt haben, war, die Waldflächen und Nischen für die Tierwelt zu bewahren.Hierfür habe ich ein Konzept erarbeitet, damit die Rinder weniger Fläche brauchen um satt zu werden. Die Weidefläche wird aufgeteilt in Parzellen in denen sich die Rinder jeweils eine kurze Weile aufhalten, bis sie alles abgefressen haben. Was sie nicht fressen, trampeln sie platt. Wenn sie in das nächste Quartier wandern, verlassen sie ein durch Tritte aufgewühltes und mit ihrem Dung versehenes Feld. Diese Fläche ruht dann ca. 40 Tage, bis aus den Kuhfladen wieder eine satte Grünfläche geworden ist.Aber auch wenn das alles noch so spannend war für mich, gab es nicht nur die Forschung und Arbeit während meines Aufenthaltes in Kolumbien. Trotz meiner rudimentären Spanischkenntnisse (Spanisch A1 Grundkurs) klappte die Kommunikation relativ gut. Von Tag zu Tag lernte man neue Worte und Redewendungen kennen, bis man sich, zwar mit einfachem Vokabular aber trotzdem gut austauschen konnte.In der Freizeit konnte man während Kurztrips in die Nebelwälder unternehmen oder die Millionenstadt Cali kennenlernen. Man konnte aber auch an Wochenendausflügen die Karibik-oder Pazifikküste bereisen um in unverschämt türkisblauem Wasser zu schnorcheln, oder unter einer Palme liegend einen Cocktail aus einer Kokosnuss schlürfen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel unterschiedliches Obst gegessen. Auf jedem Marktbesuch fand man neue interessante Sorten zum Ausprobieren.[caption id="attachment_1057" align="alignnone" width="880"] Auf jedem Markt gab es so unterschiedliche Sorten Obst[/caption]
Kolumbien? Ist das nicht gefährlich?
Natürlich ist eine Millionenmetropole wie Cali nicht vergleichbar mit Zittau. Man sieht viel Armut, aber auch sehr hohe Mauern und Stacheldraht vor den meisten Häusern. Die Sicherheitskontrollen vor den Supermärkten und Wohnhäusern sind für uns ungewöhnlich. Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, wenn man seinem Instinkt vertraut, dunkle, leere Gassen meidet, manche Stadtteile nicht besucht, oder seine Wertsachen nicht zur Schau trägt, dann ist man recht sicher. Die Menschen die ich getroffen habe, waren sehr gastfreundlich und hilfsbereit.
Erfahrungen
Die Umweltschutz Organisation Dapa Viva ist vergleichsweise klein und die Mittel sind sehr begrenzt, aber gerade diese Gegebenheiten ließen zu, dass man eigenständig Projekte angehen konnte.Durch das Praxissemester wurden die vielen Puzzleteile des theoretischen Studiums der letzten fünf Semester zusammengefügt zu einem praktischen Wissen. Ich habe einen großen Schatz an Erfahrung gesammelt. Daher empfehle ich jedem, seinen eigenen Sprung aus der Komfortzone zu wagen und eigenen Erfahrungen zu machen. Das Akademische Auslandsamt ist eine sehr gute Adresse, um sich vorab über die vorhandenen Angebote und Möglichkeiten zu erkundigen. Für Tipps und Reisefragen bin ich gerne jederzeit ansprechbar.
Danke, DAAD
An dieser Stelle möchte ich noch ganz besonders der Hochschulleitung danken, die mich für ein Stipendium zur akademischen Aus- und Fortbildung im Ausland der DAAD im Rahmen von PROMOS auswählte. Ich erhielt die Chance auf ein Stipendium. Ein Flug nach Südamerika ist teuer, die finanzielle Förderung war sehr gut angelegt.Levent Köksal